Geschichte des Hotels

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duard Graf von Pückler (13.09.1853 - 31.03.1924) wohnte ursprünglich auf seinem Gut in Muskau bei Görlitz, dem westlichen Zipfel von Schlesien, dem einzigen Stück Schlesiens, dass heute noch zu Deutschland gehört.

Nachdem er, hochdekoriert, aus den Reichseinigungskriegen als Offizier a.D. in die Heimat zurückgekommen war, hatte er geschäftlich in Berlin zu tun. Hier sah er das Elend der Arbeiter, die, vom Land gekommen, in der aufstrebenden Industriestadt Ihr Glück versuchen wollten. Aber Arbeiter wurden hier schnell zu Arbeitslosen und Kaltmamsells nicht selten zu Prostituierten. Es gab zu wenig Quartiere, trotz der Mietskasernen, wo man bis zum 8. Hof gehen konnte. Weil die Arbeiter keine Unterkunft hatten, konnten sie "für'n Groschen über 'ner Schnur" schlafen. Das heißt: in einer Kneipe wurde ein Seil von einer Ecke zur anderen gespannt und man konnte seinen Oberkörper über das Seil legen und schlafen - für 10 Pfennig.
Menschenhandel gab es auch damals schon. Junge Mädchen, die einen Job als Kaltmamsell, Kindermädchen oder Arbeiterin suchten,wurden am Anhalter Bahnhof oder am Hamburger Bahnhof von Männern abgefangen, die ihnen eine gute Arbeit versprachen. Ehe sie sich's versahen, waren sie in einem Bordell gefangen und wurden nicht selten weiter ins Ausland verkauft, besonders, wenn man nach einiger Zeit merkte, dass kein Verwandter das Mädchen vermisste.
Das ganze Treiben in Berlin um 1880 herum war im Vergleich zu heutigen Verhältnissen schrecklich. Trotz des wirtschaftlichen Boomes bettelten Menschen. Kinder hatten Diphterie. Viele Erwachsene konnten nicht arbeiten, weil fast jeder Zweite Tuberkulose hatte. Gerade in der Stadt mit ihrer schlechten Luft und ihren unzureichenden hygienischen Einrichtungen gab es viele solcher Krankheiten, die sich oft zu Epidemien entwickelten. Wegen des überlasteten Be- und Entwässerungssystems waren Ruhr und Typhus an der Tagesordnung.

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raf Pückler sah diese Misere als er mit seinen Freunden durch Wedding ging. Einer dieser Freunde hieß Friedrich Schlümbach, der andere - Curt von Knobelsdorff. Die drei hatten Eines gemeinsam: sie waren Christen und sie beteten. Und sie hatten Augen für das Elend der Menschen.
Diese drei Christen wollten etwas tun - und sie taten es auch. Schlümbach wurde später der Gründer des CVJM. Knobelsdorff - nach ihm ist in Berlin-Charlottenburg die Knobeldorffstraße benannt - wurde Gründer des Blauen Kreuzes - einer Einrichtung, die sich um Menschen kümmert, die alkoholkrank sind. Und Graf Pückler kümmerte sich um die Arbeiter und um die jungen Frauen, die in Berlin gestrandet waren.
Als Erstes fing Pückler an, sonntags vor der Kirche am Leopoldplatz Brötchen zu verteilen. Das sprach sich schnell herum und seitdem hieß die Nazarethkirche im Volksmund "Schrippenkirche", weil es vor oder nach dem Gottesdienst eine Schrippe gab.
Bald merkte Graf Pückler aber, dass Schrippen den Magen nur kurzzeitig füllen und dass die Menschen etwas Anderes, etwas Nachhaltigeres brauchten. Pückler lernte einen Prediger kennen, einen Deutsch-Amerikaner, der gerade auf Heimatbesuch war. Er konnte diesen Prediger für seine Sache interessieren und mietete eine Kneipe am Sonntagnachmittag. Es kamen so viele Menschen zu den Gottesdiensten, dass Pückler eine Trinkhalle mieten musste. Bald mussten zwei, dann drei Gottesdienste sonntags veranstaltet werden, denn es kamen immer mehr Menschen. Graf Pückler kaufte das Grundstück Schönwalder Straße 21 und baute im Hof einen Gemeindesaal für über 1500 Menschen. Das, was jetzt noch als Gemeindesaal übrig ist, ist der damalige Vorraum. Der eigentliche Gottesdienstsaal fiel den Bomben des 2. Weltkrieges zum Opfer.

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ann wurden St.-Michaels-Gemeinden gegründet in der Buttmannstraße, am Leopoldplatz, am Gesundbrunnen, in der Ackerstraße und viele mehr. St. Michael war über 100 Jahre ein Teil der evangelischen Kirche - eine Art Freikirche innerhalb der Landeskirche. Das heißt: man hatte die gleichen Grundlagen, gröstenteils das gleiche Liedgut und die gleichen Prinzipien. Sonst gingen die St.-Michaels-Gemeinschaften als sogenannte Landeskirchliche Gemeinschaften ihren eigenen Weg. Der Vorteil dieser Gemeinschaften war, dass man dort nicht durch Geburt Mitglied wurde, sondern erst, nachdem man eine bewusste Zuwendung zu Gott getan hatte und seine Mitgliedschaft als Erwachsener erklärt hatte.
Die Bewegung ging weiter. Über 400 Landeskirchliche Gemeinschaften St. Michael entstanden, vorwiegend in Berlin, Pommern und Brandenburg, einige in Schlesien und in Mecklenburg. St. Michael war und ist eine Laien-Bewegung, denn die Gemeinschaften werden nicht von Theologen, sondern von sog. Laien geleitet.
400 Gemeinschaften und nur wenig theologisches Wissen bei den Leitern. Das konnte nicht so bleiben. So entschied Graf Pückler in der Schönwalder Straße das Pückler-Hospiz zu bauen. In dieses Hospiz sollten die Gemeindeleiter von überall in Deutschland zur Schulung kommen, damit sie geistlich gestärkt wieder zurück gehen und ihren Gemeinden dienen konnten.

Dieses Pückler-Hospiz ist heute nichts anderes als das Hotel Graf Pückler. Wie ist es aber dazu gekommen, dass aus dem Hospiz ein Hotel wurde? Und wo sind die 400 Gemeinschaften geblieben?

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raf Pückler starb Anfang der 20er Jahre nach einem sehr erfüllten Leben. Sein Nachfolger wurde ein sehr begabter Prediger des Evangeliums, ein gewisser Jakubski. Zehn Jahre führte dieser Mann St. Michael und konsolidierte die Arbeit. Dann kam 1933 die Machtergreifung Hitlers. Auch viele Christen fielen auf den Mann herein, von dem sich so viele Menschen die Rettung Deutschlands versprachen. Auch Jakubski war einer von ihnen. Am 14. März 1933 hing an unserem Pückler-Hospiz die Hakenkreuzfahne, und zwar vom Dachfirst bis knapp über dem Eingang. St. Michael war ein Teil der Bewegung der sog. "Deutschen Christen" geworden. Im Gottesdienst wurde nicht mehr begonnen mit "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes", sondern mit einem zackigen "Heil Hitler".
Viele Christen sahen diese Entwicklung kritisch. Aber es war nicht die Mehrheit. Erst 1943, zwei Jahre vor Kriegsende, kamen die Mutigen in St. Michael an die Macht und jagten Jakubski aus dem Amt. Für St. Michael aber war es schon zu spät. Eine Fliegerbombe war in den Gemeindesaal gefallen; er war vollständig ausgebrannt. Und eine weitere Bombe war ins Vorderhaus gefallen. Das Hospiz war soweit intakt, aber schwer beschädigt. Das Grundstück, das sich bis zur Ravenéstraße und bis zur Reinickendorferstraße erstreckte, musste gröstenteils verkauft werden, damit Geld für die Renovierung des Vorderhauses, sowie des Hotels zusammenkommen konnte. Auch der Gemeindesaal wurde wieder hergerichtet, allerdings diente nunmehr der Vorraum als Gottesdienstraum. Das war auch genug, denn die Anzahl der Besucher war stark ausgedünnt. Der russischen Besatzungsmacht und später der DDR war St. Michael ein Dorn im Auge. Die Gemeinschaften im Osten hatten die Wahl, sich anderen Gemeindebünden anzuschließen oder sich aufzulösen. Sie schlossen sich meist anderen Bünden an. Die Gemeinschaften in Pommern wurden verlassen.

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chwerpunkt unserer Arbeit ist die missionarische Arbeit. Wir unterstützen Missionare speziell in der Ukraine, aber auch in Ostdeutschland. Hierzu dienen uns auch die Mittel, die wir aus der Hausverwaltung erhalten, aber auch aus dem Hotel. Jeder Gast, der zu uns kommt, kann Gottes Wort lesen und auch - wenn er es wünscht- mit nach Hause nehmen.
Wir sind sicher, dass unser HERR dieses Hotel segnen wird. Wir erbitten gleichzeitig Seinen Segen für unsere Gäste und für unser Personal. Bis hierher hat der HERR geholfen. Er wird's auch weiterhin tun.

Hellmut Hentschel
/Direktor/